„14. August 2026, 3 Grad Celsius, Risk of black ice!“ zeigte der Bordcomputer unseres Mietwagens an, als wir nach unserem spektakulären Dreh am Dettifoss in Island und stark unterkühlt den Motor anließen. Nachdem die wenigen anderen Menschen den Ort verlassen hatten, endgültig frustriert wegen des starken Nebels, dem Nieselregen und der eisigen Kälte, waren wir geblieben. Und unser Ausharren wurde belohnt.

Nach einer Stunde des Wartens riss der Nebel auf und wir erblickten zum ersten Mal die ganze Schönheit dieses überwältigenden Ortes. Fast 200 Kubikmeter Wasser schießen hier pro Sekunde (!) in die Tiefe. Wagt man den etwas beschwerlichen, etwa einen Kilometer langen Weg durch die Geröllwüste dahinter, dann entdeckt man den sogar noch eindrucksvolleren Selfoss. Einen Wasserfall, der sich ganze einhundert Meter lang hinzieht und bei dunstiger Atmosphäre fast endlos wirkt. Den Dettifoss kennt vielleicht manch einer durch den Beginn von Ridley Scotts Film „Prometheus“, in dem eines der menschenähnlichen Aliens sich in die Wassermassen stürzt.
Auch für uns bedeutete dieser mystisch wirkende Ort nicht nur eine Menge aufregender Fotos (checkt doch mal Pias Foto-Seite), sondern auch er bildet auch einen der vielen Drehorte des Filmes „Atrachasis“, den ich in Island vier Wochen lang gedreht habe.

Von der geheimnisvollen Halbinsel Snæfellsnes im Westen Islands und einem Zwischenstopp in Reykjavik bewegten wir uns gegen den Uhrzeigersinn bis in den hohen Norden nach Akureyri einmal um die komplette Insel. 5000 Kilometer Fahrt, (leider) eine Menge verbrauchtes Benzin, viele interessante Menschen, unzählige Schafe, ein Polarfuchs, viele Puffins (Verzeihung: Papageientaucher), mehrere Vulkane und der größte Gletscher Europas flößen einem tiefsten Respekt ein. Respekt vor einem Planeten, dessen ganze Geschichte hier wie in einer malerischen Zeitkapsel festgehalten wurde.


Nirgendwo sonst wird man auch so stark konfrontiert mit den Folgen der Klimakatastrophe. Die Grenzen des 7700 Quadratkilometer großen Vatnajökull-Gletscher, haben sich in den letzten Jahren dramatisch verkleinert und man kann den Eisblöcken dabei zuschauen, wie sie in den Ozean abfließen. Ein zugleich malerischer und erschreckender Anblick. Obwohl wir die kalten Temperaturen dort oben, knapp unter dem Polarkreis, sehr genossen haben, verfolgten wir gleichzeitig mit Schrecken die Nachrichten aus dem Rest Europas über die Brände und die komplett ausgetrockneten Flüsse.
Der Film „Atrachasis“ handelt, angelehnt an das gleichnamige, fast viertausend Jahre alte Epos, von einem unsterblichen Wesen, das über einen Zeitraum von Äonen den Wandel des Universums bezeugt und letztlich – ebenso wie wir alle – einen Sinn in seinem Dasein zu finden versucht. Kein Land der Welt bietet sich so sehr dafür an wie Island. Selten wird man so direkter Zeuge der Formen und Strukturen, die unserer Welt zugrunde liegen. Hier kann man zwischen den Kontinentalplatten wandern, in eisige Höhlen oder die Abgründe von Vulkanen schauen. Man kann Wüsten durchqueren und sich in der Betrachtung einer zwar einfachen wirkenden, aber beim genaueren Hinschauen wahnsinnig reichen Vegetation verlieren.

Für „Atrachasis“ wählte ich wegen der Besonderheit des Drehortes einen anderen Zugang als gewöhnlich. Zwar habe ich schon des Öfteren mit kleinem Kamera-„Besteck“ an ungewöhnlichen Orten gedreht, nicht selten auch allein, aber wir wären nicht die erste Filmproduktion, die dank des unvorhersehbaren Wetters auf Island Schiffbruch erleidet. Es heißt „If you don’t like the weather in Iceland, wait five minutes!“ und da ist auch was dran. Da wir nie wussten, was uns erwartet und ob die Orte, die uns bei der Recherche ins Auge sprangen, auch tatsächlich so aussahen wie angekündigt und – noch wichtiger – nicht eventuell doch von Touristen überrannt sein würden, musste der Dreh improvisiert stattfinden. Das einzige, das vorher feststand, war die Grundidee für die Geschichte. Doch das Drehbuch habe ich während unseres Aufenthaltes dort geschrieben und auch laufend den Gegebenheiten angepasst. Das bedeutet, dass besonders eindrucksvolle Orte und gelungene Momente Szenen hervorgebracht haben, die es sonst womöglich nie gegeben hätte.
Nun sind wir auch damit nicht die ersten, denn gerade in Deutschland gibt es leider so manchen Filmemacher, der es für eine Qualität hält, keine Drehbücher zu verwenden und in manchen Kreisen wird das sogenannte „narrative Kino“ mit geübt elitärem Blick und hoch erhobener Nasenspitze nur belächelt. Damit es dennoch nicht zu den üblicherweise aus dieser Haltung resultierenden, leer mäandernden Filmen kommt, ist nun ein präziser Schnitt und eine sorgfältige Auswahl der insgesamt fünfzehn Stunden Material nötig. Und das, während die Arbeit an den beiden bereits gedrehten Spielfilmen „Shadow Road“ und „Die letzte Bahn nach Schlebusch“ (zu dem es ebenfalls bald etwas Neues gibt) ebenfalls weiter voranschreitet.
Nun ja, im Unterschied zu „Atrach“, der Hauptfigur des Filmes, leben wir ja alle nicht ewig. Und so lange man lebt, soll man drehen! 😉

Vielen Dank an Pia Raboldt, die diesen Island-Trip möglich gemacht, ihn geplant und finanziert und auch viele wunderschöne Fotos gemacht hat. Danke auch an unsere Guides, Adam und Mariza, die uns fachkundig zu Orten geführt haben, die wir sonst kaum erreicht hätten. Und selten sind mir beim Schreiben eines Blog-Artikels so sehr die Adjektive (überwältigend, malerisch, spektakulär, eindrucksvoll etc.) ausgegangen…

